Anandamid, Habituation und Zen

Wir alle sind oft unzufrieden. Wir (er-)finden dazu passend auch immer Ursachen. Diese Ursachen gilt es dann auszuschalten und für die Zukunft zu verbannen. Dabei tappen wir jedoch in eine Rationalitätenfalle; wir sind nicht unzufrieden, weil etwas passiert ist oder passieren kann, denn das erstere können wir mit keinem Mittel ändern – und das zweite können wir mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht wissen (‘es kommt immer anders als man denkt’). Warum wir also unzufrieden sind, hat eine andere ‘Ursache’. Und zwar unser Selbst. Alle Lebewesen haben einen natürlichen Überlebenstrieb (sogar Menschen, die ein “schlechtes” Leben haben ,-). Dieser zwingt uns, uns vor Gefahren zu beschützen. Unser Verstand ist jedoch so ausgeprägt, dass wir viel zu viele Dinge als Gefahren wahr nehmen und versuchen uns gegen sie zu verteidigen. Alle Dinge, die in der Vergangenheit geschehen sind, konnten nicht dazu führen, dass uns etwas zugestoßen ist; schließlich sind wir ja jetzt hier. Und umgekehrt aber für den Verstand noch gefährlicher ist die Zukunft. Lasst uns kurz überlegen, was wir alles “tun”, um uns auf die Zukunft vorzubereiten. Dann lasst uns überlegen, was von den Ängsten tatsächlich eingetreten ist; mit anderen Worten: wobei hat uns diese Vorbereitung etwas gebracht? Weiter: wir ärgern uns, wenn etwas nicht so eintritt wie wir planten, weil wir uns dann “umsonst” vorbereitet haben.

Dieser Mechanismus könnte folgende Wirkungsweise haben:

Alle Lebewesen haben (unterschiedlich stark ausgeprägt) die Fähigkeit zu ‘lernen’. Damit ist gemeint, dass wir ein Gedächtnis haben um nach einem Erlebnis zu speichern, welche Reize unsere Sinne erreichen und wie wir darauf reagieren. Das passiert meist unbewusst (heiße Herdplatte -> Hand zurück ziehen). Während des Lernens passiert es meist bewusst und wir gewöhnen uns immer mehr daran und können es dann unbewusst ‘abrufen’ (zum Beispiel die Kupplung beim Autofahren). Diese Verhaltensmuster werden gespeichert und später automatisch abgerufen. Besonders wichtig dabei ist, dass dies auch bei nicht materiellen Reizen und Reaktionen abläuft, das heißt geistlichen oder verständlichen (von Verstand). Das bildet in der Tat den größten Teil unserer Gewohnheiten, da wir die meiste (wache) Zeit vom Verstand geleitet werden [es gibt vier Bewusstseinszustände: Schlaf mit Traum, Schlaf ohne Traum, Wach mit Verstand, Wach ohne Verstand]. Zu unterscheiden hierbei sind zwei Arten des Lernens, nämlich Fähigkeit und Habituation. Das eine wird erlernt und des Nutzens wegen verwendet. Das andere ist wiederholt einem Reiz ausgesetzt zu sein, der sich als unbedeutend erweist. Die Reaktion auf diesen Reiz schwächt sich dann allmählich ab und unterbleibt schließlich womöglich völlig. So sortiert unser Unterbewusstsein alle an unseren Sinnen eintreffenden Signale schon vor, bevor es die gefilterten Informationen zur Verarbeitung weitergibt. Somit Nehmen wir bewusst nur wahr, was der Filter durchlässt (mit anderen Worten: als interessant oder gefährlich interpretiert). Das ist wie wenn wir ein Buch haben, aber nur eine Seite davon lesen können und danach glauben das Buch zu kennen.

Die Kehrseite ist, dass wir auch lernen können, diesen Filter auszuschalten um so unsere Umwelt bewusst wahr zu nehmen (der evolutionäre Ursprung und ehemalige Sinn und Zweck dieser Funktion, nämlich zum Schutze ist heute nicht mehr von Bedeutung, da wir keinen Gefahren mehr ausgesetzt sind. Wir glauben aber weiterhin vielen Gefahren ausgesetzt zu sein (das ist die Rationalitätenfalle); ironischerweise verursachen wir genau dadurch immer mehr Leid, vor dem wir uns damit zu schützen versuchen). Hier kommt ein interessanter Körpereigener Stoff zum Zuge: das Anandamid.

“Die hauptsächlich interagierenden Regionen des Gehirnes scheinen diejenigen zu sein, die mit der Wahrnehmung und Gedankenverarbeitung bzw. den Bewegungsabläufen beschäftigt sind.” (wikipedia) Dieser Stoff scheint bei uns zu bewirken, dass wir gelassen sein können und uns auf die Wahrnehmung unserer Sinne konzentrieren können (nicht das was uns unser gefilterter (selektiver), habituierter Verstand sagt). ”Stark ausgeprägte oder starre Denk- und Verhaltensgewohnheiten können für die Kreativität abträglich sein und zu einem eingefahrenen, mehr oder weniger gedankenlosen Reagieren führen. Zudem erfordert gewohnheitsmäßiges Reagieren wegen seines reflexartigen Ablaufs wenig Aufmerksamkeit. Ausgeprägtes gewohnheitsmäßiges Reagieren kann daher zu höhergradiger selektiver Aufmerksamkeit führen und darüber zu gewohnheitsmäßiger Unaufmerksamkeit, wegen der wiederum ein gewohnheitsmäßiges Reagieren weiter gefördert wird.” (wikipedia). Lasst uns das nun mit den Menschen in unserer Gesellschaft vergleichen – und feststellen, dass die Gesellschaft nichts als die Summe von jedem Einzelnen von uns ist (somit lassen sich alle Phänomene erklären: Schulden, Finanzmärkte, Politik, Krieg, Wirtschaft, Werbung, Filme, Beziehungen. Diese Liste endet nicht ,-)

“Bei jedem Atemzug stehen wir vor der Wahl, das Leben zu umarmen oder auf das Glück zu warten.” - Andreas Tenzer

mein Mitbewohner 21. Januar 2012 Ich und mein Mitbewohner Keine Kommentare Trackback URL Kommentare RSS

Einen Kommentar schreiben

Du musst angemeldet sein, um kommentieren zu können.