Dinge halten nicht was sie versprechen

Als Mann der individuellen Tat bin ich seither von vielen Menschen, die sie ebenfalls wagen wollten, um Meinung und Rat angegangen worden. Nur in verhältnismäßig wenigen Fällen habe ich die Verantwortung, sie ohne weiteres dazu zu ermutigen, auf mich genommen. Oft musste ich feststellen, dass das Bedürfnis “etwas besonderes zu tun” einem unsteten Geiste entsprang. Die Betreffenden wollten sich größeren Aufgaben widmen, weil diejenigen, vor die sie sich gestellt sahen, ihnen nicht genügten. Oft zeigte sich auch, dass sie in ihrem Entschluss durch ganz nebensächliche Erwägungen bestimmt waren. Nur derjenige, der jeder Tätigkeit einen Wert abgewinnen kann und der sich jeder mit vollem Pflichtbewusstsein hingibt, hat das innerliche Recht dazu, sich ein außerordentliches Tun statt des ihm natürlich zufallenden zum Ziel zu setzen. Nur derjenige, der sein Vorhaben als etwas Selbstverständliches, nicht als etwas Außergewöhnliches empfindet und der kein Heldentum, sondern nur in schüchternem Enthusiasmus übernommene Pflicht kennt, besitzt die Fähigkeit, ein geistiger Abenteurer zu sein, wie sie die Welt nötig hat. Es gibt keine Helden der Tat, sondern nur Helden des Verzichtens und des Leidens. Ihrer sind viele. Aber wenige von ihnen sind bekannt, und auch diese nicht der Menge, sondern nur den Wenigen.

“Helden und Heldenverehrung” ist kein tiefes Buch Carlyles.

Von denen, die irgendwie den Drang in sich fühlen und tatsächlich befähigt wäre, persönliches Tun zum Berufe ihres Lebens zu machen, müssen die meisten der Umstände halber darauf verzichten. Gewöhnlich liegt es daran, dass sie für Menschen, die von ihnen abhängen, zu sorgen haben oder zum Erwerb ihres eigenen Unterhaltes in einem Berufe verbleiben müssen. Nur wer aus eigener Kraft oder durch ergebene Freunde in materieller Hinsicht ein Freier ist, kann es heute wagen, den Weg persönlicher Tat zu begehen. Früher galt dies nicht in diesem Maße, weil der, der auf Erwerb verzichtete, immerhin noch Hoffnung haben konnte, irgendwie durchs Leben zu kommen, während derjenige, der in den heutigen schweren wirtschaftlichen Verhältnissen dasselbe tun wollte, Gefahr liefe, nicht nur materiell, sondern auch geistig zugrunde zu gehen.

So habe ich es mitansehen und miterleben müssen, dass liebe und tüchtige Menschen auf persönliche Tat, die für die Welt wertvoll gewesen wäre, verzichten mussten, weil sie durch die Umstände unmöglich wurde.

Diejenigen, denen es vergönnt ist, freies persönliches Dienen verwirklichen zu dürfen, haben dieses Glück als solche hinzunehmen, die dadurch demütig werden. Immer müssen sie derer gedenken, die zu gleichem Tun willig und fähig gewesen wären, aber es nicht unternehmen durften. Überhaupt müssen sie ihr starkes Wollen in Demut härten. Fast immer ist ihnen bestimmt, suchen und warten zu müssen, bis sie offene Bahn für das gewollte Tun finden. Glücklich diejenigen, denen die Jahre des Wirkens reichlicher zugemessen sind als die des Suchens und Wartens! Glücklich diejenigen, die dazu kommen, sich wirklich voll ausgeben zu können!

Demütig haben diese Bevorzugten auch darin zu sein, dass sie sich über den Widerstand, den sie erfahren, nicht ereifern, sondern ihn als etwas hinnehmen, das unter das “Es muss also geschehen” fällt. Wer sich vornimmt, Gutes zu wirken, darf nicht erwarten, dass die Menschen ihm deswegen Steine aus dem Weg räumen, sondern muss auf das Schicksalhafte gefasst sein, dass sie ihm welche darauf rollen. Nur die Kraft, die in dem Erleben dieser Widerstände innerlich lauterer und stärker wird, kann sie überwinden. die, die sich einfach dagegen auflehnt, verbraucht sich darin.

Von dem in der Menschheit vorhandenen idealen Wollen kann immer nur ein kleiner Teil zu öffentlich auftretender Tat werden. Allem übrigen ist bestimmt, sich in vielem Unscheinbaren zu verwirklichen, das miteinander einen Wert darstellt, der derjenigen des Tuns, das die Aufmerksamkeit auf sich zieht, tausendfach und abertausendfach übertrifft. Es verhält sich zu ihm wie das tiefe Meer zu den Wellen, die seine Oberfläche bewegen. Die unscheinbar wirkenden Kräfte des Guten sind in denjenigen verkörpert, die das persönliche unmittelbare Dienen, das sie nicht zum berufe ihres Lebens machen können, im Nebenamt betreiben. Das Los der Vielen ist, zur Erhaltung ihrer Existenz und zu ihrer Betätigung in der Gesellschaft eine mehr oder weniger seelenlose Arbeit zum Beruf zu haben, in der sie nicht viel oder fast nichts von ihrem Menschentum verausgaben können, weil sie sich in ihr fast wie Menschenmaschinen zu betätigen haben. Dennoch aber befindet sich keiner in der Lage, dass er nicht Gelegenheit hätte, sich irgendwie als Mensch zu verausgaben. Nur zu einem Teile liegt die Lösung des durch die organisierte, spezialisierte und mechanisierte Arbeit geschaffenen Problems darin, dass die Gesellschaft die damit gegebenen Zustände nicht einfach hinnimmt, sondern, soweit sie nur immer kann, die Rechte der Menschenpersönlichkeit wahrt. Die Hauptsache ist, dass die Betroffenen ihr Schicksal nicht einfach über sich ergehen lassen, sondern sich mit aller Energie durch die geistige Tat in den ungünstigsten Verhältnissen als Menschenpersönlichkeiten zu behaupten suchen. Sein Menschenleben neben dem Berufsleben rettet sich, wer auf die Gelegenheit aus ist, in persönlichem Tun, so unscheinbar es sei, für Menschen, die eines Menschen bedürfen, Mensch zu sein. dadurch stellt er sich in den Dienst des geistigen und Guten. Kein Schicksal kann einem Menschen dieses unmittelbare menschliche Dienen im Nebenamt versagen. Wenn so viel davon unverwirklicht bleibt, liegt es daran, dass es versäumt wird.

Dass jeder in der Lage, in der er sich befindet, darum ringt, wahres Menschentum an Menschen zu betätigen: davon hängt die Zukunft der Menschheit ab.

Ungeheure Werte bleiben durch Versäumnisse in jedem Augenblicke im Zustande des Nichts. Was aber davon Wille und Tat wird, bedeutet einen Reichtum, den man nicht unterschätzen soll. Unsere Menschheit ist gar nicht so materialistisch, wie es in törichtem Gerede immerfort behauptet wird. Nach dem, wie ich die Menschen kennengelernt habe, steht mir fest, dass unter ihnen viel mehr ideales Wollen vorhanden ist, als zum Vorschein kommt. Wie die Wasser der sichtbaren Ströme wenig sind im Vergleich zu denen, die unterirdisch dahinfluten, so auch der sichtbar werdende Idealismus im Vergleich zu dem, den die Menschen unentbunden oder kaum entbunden in sich tragen. Das Unentbundene entbinden, die Wasser der Tiefe an die Oberfläche leiten: die Menschheit harrt derer, die solches vermögen.


“Humanität besteht darin, dass niemals ein Mensch einem Zweck geopfert wird.” – Albert Schweitzer

mein Mitbewohner 20. Oktober 2013 mein Mitbewohner Keine Kommentare Trackback URL

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