Monatsarchiv für September 2014

Du suchst im Moment im Archiv von Ich und mein Mitbewohner.

Zen und die Kunst ein Motorrad zu warten

“Einsam die Leute da in der Stadt. Ich sah es im Supermarkt und in der Münzwäscherei, und auch als ich die Rechnung in dem Motel beglich. In den Campingbussen, die hier durch die Sequoienwälder fahren, fast lauter einsame, pensionierte Leute, die sich die Bäume anschauen, unterwegs, um das Meer zu sehen. Man merkt es im allerersten Moment, wenn man in ein neues Gesicht sieht – an dem forschenden Blick –, und dann ist es schon wieder weg.

Wir bekommen jetzt noch viel mehr von dieser Einsamkeit zu sehen. Es ist paradox, daß ausgerechnet dort, wo die Menschen am dichtesten aufeinander sitzen, in den großen Städten an der Ost- und der Westküste, die Einsamkeit am größten ist. In Oregon und Idaho und Montana und den Dakotas, wo die Menschen viel weiter verteilt leben, dort, so möchte man meinen, müßte die Einsamkeit größer sein, aber davon haben wir nichts gemerkt.

Die Erklärung ist wohl, daß die physische Distanz zwischen den Menschen nichts mit Einsamkeit zu tun hat. Auf die psychische Distanz kommt es an, und in Montana und Idaho sind die physischen Entfernungen groß, aber die psychischen Entfernungen zwischen den Menschen gering; hier ist es umgekehrt.

Wir sind hier im erstklassigen Amerika. Die ersten Anzeichen haben wir vorletzte Nacht in Prineville Junction bemerkt, und seither ist es dabei geblieben. Im erstklassigen Amerika der Autobahnen und Jetflüge, des Fernsehens und der Kinospektakel. Und die Menschen, die sich mit diesem erstklassigen Amerika einlassen, bringen offenbar den größten Teil ihres Lebens hinter sich, ohne richtig zu merken, was in ihrer unmittelbaren Umgebung vor sich geht. Die Medien haben ihnen eingeredet, daß alles, was um sie herum vorgeht, unwichtig ist. Und deshalb sind sie einsam. Man sieht es ihren Gesichtern an. Erst dieser kurz aufblitzende forschende Blick, und dann, wenn sie einen richtig ansehen, ist man nur noch so eine Art Objekt. Man zählt nicht. Man ist nicht das, wonach sie suchen. Man kommt nicht im Fernsehen.

In dem zweitklassigen Amerika jedoch, das hinter uns liegt, dem Amerika der Nebenstraßen und Chinesengräben und Appaloosa-Pferde, der langgestreckten Gebirgszüge, der Nachdenklichkeit, der [379]Kinder mit Kiefernzapfen und Hummeln und des offenen Himmels über uns Meile um Meile, auf der ganzen Fahrt durch dieses andere Amerika war für uns das wichtig, was real war, um uns herum. Und deshalb gab es nicht viel Raum für Einsamkeit. So muß es hier vor hundert oder zweihundert Jahren gewesen sein. Fast keine Menschen und fast keine Einsamkeit. Zweifellos verallgemeinere ich zu stark, aber mit den entsprechenden Einschränkungen wäre es die Wahrheit.

Der Technik wird viel Schuld an dieser Einsamkeit gegeben, weil diese Einsamkeit sicherlich mit einigen der neueren Segnungen der Technik zusammenhängt – Fernsehen, Jets, Autobahnen und so weiter –, aber ich hoffe, es ist mir gelungen klarzumachen, daß das eigentliche Übel nicht in den Objekten der Technik steckt, sondern in der Tendenz der Technik, die Menschen in einsamen, durch Objektivität gekennzeichneten Einstellungen zu isolieren. Die Objektivität, die dualistische Anschauungsweise, die der Technik zugrunde liegt, ist die Wurzel des Übels. Deshalb habe ich mir solche Mühe gegeben, zu zeigen, wie man die Technik dazu benutzen kann, das Übel aus der Welt zu schaffen. Ein Mensch, der weiß, wie man – mit Qualität – Motorräder richtet, läuft nicht so schnell Gefahr, bald kaum noch Freunde zu haben, wie einer, der es nicht weiß. Und man wird auch nicht nur ein Objekt in ihm sehen. Qualität macht Objektivität jederzeit zunichte.

Oder wenn er auch den langweiligen Job nimmt, an dem er hängengeblieben ist – und sie sind, früher oder später, alle langweilig – und bloß um sich bei Laune zu halten nach Möglichkeiten mit mehr Qualität Ausschau hält und diese Möglichkeiten insgeheim zu verwirklichen sucht, ganz um ihrer selbst willen, so daß er eine Kunst aus seinem Handwerk macht, wird er wahrscheinlich entdecken, daß er für seine Mitmenschen ein viel interessanterer Mensch wird und sie ihn viel weniger als Objekt ansehen, weil seine Entscheidung für die Qualität auch ihn selbst verändert. Und nicht nur seine Arbeit und ihn selbst, sondern auch andere, weil Qualität die Tendenz hat, sich wellenartig auszubreiten. Die Qualität seiner Arbeit, von der er geglaubt hat, daß niemand sie bemerken werde, wird bemerkt, und jeder, der sie bemerkt, fühlt sich deswegen ein bißchen besser und wird dieses Gefühl wahrscheinlich auf andere übertragen, und auf diese Weise ist dafür gesorgt, daß die Qualität erhalten bleibt.

Meine persönliche Ansicht ist, daß jede künftige Verbesserung der Welt sich nur auf diese Weise vollziehen kann: dadurch, daß einzelne sich für Qualität entscheiden, und durch nichts anderes. Die Begeisterung für großangelegte Programme sozialer Planung für große Menschenmassen, die die individuelle Qualität unberücksichtigt lassen, könnte meinetwegen ruhig ein bißchen gedämpft werden. Die sollte man getrost eine Zeitlang auf Eis legen. Sie haben auch ihre Berechtigung, aber sie müssen auf einer Grundlage der Qualität bei den einzelnen Menschen aufbauen, denen sie gelten. Wir hatten in der Vergangenheit diese individuelle Qualität, beuteten sie, ohne es zu merken, als natürlichen Vorrat aus, und jetzt ist sie fast erschöpft. Es sieht so aus, als sei jedermann mit seinem Mut fast am Ende. Und ich glaube, es ist an der Zeit, daß wir uns vornehmen, diese amerikanischen Reserven wieder aufzufüllen – die persönlichen Werte. Es gibt politische Reaktionäre, die seit Jahren etwas ganz Ähnliches fordern. Ich gehöre nicht zu ihnen, aber sofern es ihnen wirklich um die persönlichen Werte zu tun ist und nicht nur um eine Ausrede dafür, daß die Reichen sich weiter bereichern können, haben sie recht. Wir brauchen die Rückbesinnung auf persönliche Integrität, Selbstvertrauen und den altmodischen »Mut«. Wir brauchen sie wirklich. Ich hoffe, in dieser Chautauqua wurden Wege dazu aufgezeigt.”

“Aus dieser Vielfalt von Dingen von deren Existenz wir wissen, müssen wir eine Auswahl treffen, und was wir auswählen und Bewußtsein nennen, ist nie dasselbe wie die Dinge selbst, denn durch das Auswählen werden sie verändert. Wir nehmen eine Handvoll Sand aus der endlos weiten Landschaft, die uns umgibt, und nennen diese Handvoll Sand “Welt”.” - Robert M. Pirsig

Geschrieben von mein Mitbewohner am 24. September 2014
Abgelegt unter mein Mitbewohner | Keine Kommentare

To be continued…

Wahrscheinlich jeder von uns kennt diesen Satz. Und damit wahrscheinlich auch das damit einhergehende Gefühl. “Ich will wissen wie es weiter geht!” Das beschreibt im Wesentlichen das Streben vieler Menschen bei vielen ihrer Tätigkeiten. In diesem Beispiel ist es eine Serie oder ein Film. Würde ich ihn oder sie nicht kennen, würde mich nicht interessieren wie es weiter geht. Aber da ich schon angefangen habe mich damit zu beschäftigen, dass heißt gleichzeitig auch zu identifizieren, will ich nun auch wissen wie es weiter geht. Das Ganze ist aber eine sehr interessante Regel des Lebens. Auf den ersten Blick, will ich nur wissen wie es weitergeht. Aber genaugenommen: wenn ich jetzt schon wissen würde wie es weiter geht, dann würde ich den nächsten Teil vielleicht gar nicht mehr sehen wollen. Beispielsweise bei einem Film: wenn ich eben einen Film zu Ende gesehen habe, möchte ich ihn (wahrscheinlich) nicht gleich nochmal sehen. Anders wenn ich nicht weiß wie es weiter geht. Ebenso ist das bei Spielen. Hier ist es nur viel interessanter, weil nicht von vornherein feststeht was passieren wird. Bei einem Film oder einer Serie weiß ich, nach soundso viel Zeit ist es zu Ende. bei einem Spiel weiß ich das zwar meist auch, aber es steht noch nicht fest was passieren wird. Egal ob es ein Fußballspiel oder ein Videospiel ist. Wobei hier unterschieden werden kann: ein Spiel mit einer festgeschriebenen Geschichte endet irgendwann. Die Motivation es gleich nochmal zu spielen liegt dann, wenn überhaupt woanders. Anders bei Multiplayer-Spielen. Hier spielen wir wieder gegen “echte” Menschen und wissen daher nicht wie es ausgehen wird.

Auf einer weiteren Ebene trifft diese Regel zum Beispiel in der Wissenschaft zu. Hier versuchen wir an Hand von Theorien und Experimenten Regeln zu entdecken oder zu formulieren, an Hand derer wir Aussagen über etwaige zukünftige Ereignisse treffen können. Oder im Idealfall, die sogenannte Zukunft vorhersehen können. Der Hintergrund dieses Strebens ist wieder ähnlich: wir wollen wissen wie es weiter geht.

Am schönsten und unzutreffendsten funktioniert das bei unserem Leben im Allgemeinen. Wir wollen Sicherheit, wissen was passieren wird, uns vorbereiten auf die Zukunft, planen. Mit anderen Worten: wissen wie es weiter geht. Ironischerweise versuchen wir das schon seit vielen Jahrtausenden, sind aber nie erfolgreich damit. Es kommt immer anders als man denkt. Hinterher wissen wir was passiert ist. Wir wissen auch, dass es anders war als wir es uns vorgestellt haben. Dennoch fällt mir hier der Historiker ein, der zwar aus der Geschichte lernt und gelernt hat, aber sein Leben lang dazu gezwungen ist, zuzusehen wie die Menschen um ihn herum das nicht haben. Und ebenso geht es den Aufgeklärten: sie haben gelernt, dass wir nie wissen können was die Zukunft bringt.

Schließlich bringt sie das dazu, zu erkennen worauf es tatsächlich ankommt, nämlich dem was einzig real ist: der jetzige Moment.

“Warten ist ein Geisteszustand. Grundsätzlich bedeutet es, dass du die Zukunft willst; du willst nicht die Gegenwart. Du willst nicht das, was du hast, du willst das, was du nicht hast. Mit jeder Art von Warten schaffst du unbewusst einen inneren Konflikt zwischen deinem Hier und Jetzt, wo du nicht sein willst, und der projizierten Zukunft, wo du sein willst. Das reduziert die Qualität deines Lebens gewaltig, weil du die Gegenwart verlierst.” – Eckhart Tolle

 

Geschrieben von mein Mitbewohner am 21. September 2014
Abgelegt unter mein Mitbewohner | Keine Kommentare