Monatsarchiv für Dezember 2016

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“Der Verstand in ein sehr guter Diener. Jedoch ein sehr schlechter Herrscher.”

Den Verstand im Menschen kann man vergleichen mit einem Motor in einem Fahrzeug. Mit Verstand soll hier gemeint sein, die innere Stimme, die in Form von Sprache (meist) einen lautlosen Monolog im inneren des Kopfes darstellt. Manche Menschen sprechen auch laut aus, was sie im inneren Denken. Aber die meisten machen das lautlos. Und bei den meisten ist das auch ein fast immer stattfindendes Ereignis. So, dass sie gar nicht bewusst wahrnehmen, dass es auch Momente gibt, in denen der Verstand still ist. Meistens sind es ‘zufällig’ auch die selben Momente in denen wir glücklich sind (wir sehen etwas schönes, haben Sex, haben Alkohol/Drogen konsumiert, haben etwas erreicht wonach wir gestrebt haben, haben etwas neues gekauft/bekommen, schauen einen guten Film/Serie und viele mehr). Doch tatsächlich ist es umgekehrt: wenn der Verstand still ist, sind wir glücklich. Das heißt nicht, dass man nicht auch glücklich sein könnte, während der Verstand aktiv ist. Bei einer sinnvollen, erfüllenden Aufgabe zum Beispiel. Aber bei der großen Mehrheit ist es so, dass die Aktivität des Verstandes sie beunruhigt und sie deswegen unzufrieden sind. Auch wenn die Sprache des Verstandes seine Essenz ist (ohne Sprache, gäbe es diesen Verstand so nicht, oder dieses Denken), sagt sie viel mehr aus, als den meisten bewusst ist. Im vorhergehenden Satz zum Beispiel die Worte ‘beunruhigt’ und ‘unzufrieden‘ bedeuten wörtlich, dass keine Ruhe und kein Frieden gegenwärtig sind. Das wiederum bedeutet eigentlich nicht, dass sie nicht gegenwärtig sind, sondern dass etwas anderes da ist, das sie überdeckt. Ruhe und Frieden sind natürliche Grundzustände. Erst wenn zum Beispiel Lärm oder Aktivitäten erscheinen, ‘verschwinden’ Ruhe und Frieden sozusagen. In Wirklichkeit sind sie noch da, nur durch die scheinbar wichtige und auf jeden Fall lautere Aktivität, nimmt unsere Aufmerksamkeit sie meistens nicht mehr wahr. So ist es in unseren Köpfen auch. Ruhe und Frieden (=Zufriedenheit) sind Grundzustände. Erst wenn der Verstand arbeitet und lauter ist, reißt er unsere Aufmerksamkeit an sich und wir übersehen den stillen Frieden.

Nun zurück zum Motor. Der Motor ist ein sehr wichtiger Teil eines Fahrzeuges. Ohne ihn, könnten wir viele Dinge nicht erreichen. Während wir sie erreichen wollen, ist es sehr hilfreich, wenn der Motor läuft. Er verursacht zwar auch Unruhe, aber das ist vollkommen in Ordnung, so lange man fährt. Überflüssig oder unangenehm wird es erst, wenn wir nirgendwo mehr hin wollen, weil wir schon angekommen sind. Dann sollte der Motor aus sein. Aber wenn wir nicht wissen, wie wir ihn ausschalten, läuft er von alleine immer weiter. Das ist manchmal nicht schlimm, so lange er im Leerlauf vor sich hin läuft. Aber auch das verursacht eine leichte Unruhe, verbraucht Energie und erhöht den Verschleiß. Leider bleibt er oft auch nicht ruhig, sondern dreht richtig auf (es gibt ja nichts, was ihn bremst). Dann wird es sehr laut und unangenehm. Er nimmt dann unsere gesamte Aufmerksamkeit in Anspruch und reizt uns. Dadurch können wir uns auf nichts anderes mehr konzentrieren. Geschweige denn das genießen was jetzt wirklich um uns herum geschieht. Stell’ Dir mal vor, Du fährst mit dem Auto an eine schöne Stelle in den Bergen oder am Meer. Und Du kommst nach langer Fahrt endlich an und möchtest Dich entspannen und die Landschaft und die Natur genießen. Doch der Motor lässt sich nicht abschalten. Wie würde sich das anfühlen? Und dann fängt er manchmal auch noch an, einfach hoch zu drehen. Wie sehr kannst Du da die Natur, den Ausblick oder die Gesellschaft anderer genießen? Wo würde Deine Aufmerksamkeit hingezogen werden? Für manche ist die Lösung – weil sie keine andere gelernt haben oder beigebracht bekommen haben – einfach, etwas noch lauteres zu unternehmen, um den Motor nicht mehr zu hören. Das können sein Diskos, Fernsehen, Gespräche/Interaktionen mit anderen Menschen (die dann meistens nicht sehr friedlich verlaufen), Drogen, (Extrem-) Sport und viele mehr.

Aber es gibt auch Training, dass nur dafür da ist, zu lernen wie man den Motor ruhig laufen lässt bzw. ihn ganz ausschaltet. Er verschwindet dann nicht. Sondern er kann wieder gestartet werden, sobald man ihn wieder verwenden will. Aber meistens startet er von ganz alleine wieder. Oft schneller, als man eigentlich möchte. Aber auch das kann in diesem Training geübt werden. Dieses Training heißt in der Umgangssprache ‘Meditation’. Leider hat der Verstand, solange er es nicht besser weiß, gleich eine Vorstellung davon, was Meditation ist und wie sie aussieht. Er zeigt Dir dann einen im Lotussitz (oder Schneidersitz) sitzenden, mit geschlossenen Augen und seinen Händen auf dem Schoß liegenden Menschen, der scheinbar ‘nichts’ tut. Und das sieht für den Verstand (den Motor) langweilig aus, weil er ja gar nichts zu tun hat. Und er braucht immer eine Aufgabe. Wenn er keine hat, (er-) findet er sich eine. Diese Sitzmeditation ist zwar eine Art der Meditation, aber es gibt buchstäblich noch unzählige andere. Meditation kann beim Abwaschen, beim Arbeiten, beim Spazierengehen, sogar beim Autofahren ‘passieren’. Es ist einfach ein bewusstes (und das ist der wesentliche Unterschied) Training des Nicht-Denkens. Man wird nicht bewusstlos, wenn man nicht denkt. Anders als beim Schlafen. Da ist man meist bewusstlos. Manchmal arbeitet der Verstand auch während des Schlafens, das kennen wir als träumen. Aber wenn wir während des Wach-Seins bewusst nicht denken, dann kann man das Meditation nennen. Egal was währenddessen nebenher passiert. Die oben beschriebene Sitzmeditation ist einfach eine sehr hilfreiche Methode, das Nicht-Denken zu üben. Alle Sinneseindrücke haben eine so hohe Anziehungskraft für unsere Aufmerksamkeit. Und wenn wir noch nicht gelernt haben, den Motor selbst abzustellen, dann arbeitet der immer gleich mit. Wenn wir aber gelernt haben (oder lernen), den Verstand bewusst zum schweigen zu bringen, dann können wir unsere ganze Aufmerksamkeit auf alles richten worauf wir möchten. Das Ziel der Meditation ist nicht, nichts zu tun. Das ist eine Stufe auf der Treppe zum Ziel. Das Ziel ist, bei allem wofür wir den Lärm des Verstandes nicht wünschen, ihn einfach auf lautlos zu stellen. So können wir den immer gegenwärtigen Frieden und die Ruhe genießen, die die Voraussetzung für alle schönen Erlebnisse und Erfahrungen sind.

“Schön ist eigentlich alles, was man mit Liebe betrachtet. Je mehr jemand die Welt liebt, desto schöner wird er sie finden.” – Christian Morgenstern

“Man ist jung, solange man sich für das Schöne begeistern kann und nicht zuläßt, daß es vom Nützlichen erdrückt wird.” – Jean Paul

Geschrieben von mein Mitbewohner am 19. Dezember 2016
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