Weniger ist mehr

Wenn Menschen irgendetwas erfahren, das heißt wenn es direkt in ihrer Realität erscheint, dann richten sie ihre Aufmerksamkeit darauf. Es erscheint ihnen “interessant”, egal ob es als positiv oder als negativ bewertet wird (denn diese Bewertung nimmt der Verstand durch seine Programmierung vor; wenn es uns gelingt diesen Filter auszuschalten, dann haben wir einfach nur eine Erfahrung). Dieser Effekt nimmt aber ab, wenn die gleiche oder eine ähnliche Erscheinung wiederholt auftritt. Das nennt sich auch Habituation. Zum Beispiel wenn ich ein schönes Bild zum ersten mal sehe, dann ist das eine besondere Erfahrung. Aber wenn ich das Bild dann jeden Tag sehe, wird es zunehmend mehr einfach nur zum “Hintergrund”. Es fällt nicht mehr so besonders auf, das heißt es erscheint uns nicht mehr so im Vordergrund wie die ersten Male. Da Menschen gerne dieses besondere erste Erlebnis erfahren, versuchen sie meistens es irgendwie einzufangen oder festzuhalten, um dieses schöne Gefühl reproduzieren zu können. Das kann sein durch ein Foto davon machen, oder einen Gegenstand zu kaufen oder ein Ergeignis nochmal zu wiederholen um scheinbar das gleiche Gefühl nochmal hervorrufen zu können. Leider funktioniert das nicht so, wie wir uns das vorstellen. Denn der vorher genannte Habituations-Effekt tritt ganz natürlicherweise ein. Die einzige Möglichkeit dem entgegen zu wirken, ist es seine Aufmerksamkeit sozusagen zu trainieren und den Verstand (Filter) bewusst auszuschalten. Den Effekt ganz auszuschalten geht nicht, da wir sonst nicht mehr funktionieren würden, da wir ständig eine Unzahl an Eindrücken erleben. Würden wir alles gleichzeitig in unserer Aufmerksamtkeit haben, wäre das eine Überflutung, mit der wir nicht mehr umgehen könnten. Aber dennoch, können wir das bei einzelnen Sinneseindrücken üben (wenn wir möchten).

Worum es mir hier eigentlich geht, ist das dieser Effekt bekannt werden soll, so dass jeder sich selbst beobachten kann. Denn dann erkennen wir, warum wir vieles in unserem Alltag eigentlich machen. Meistens sind das Dinge, die dem sogenannten Festhalten dienen. Wenn wir aber erkennen, dass das Festhalten nicht den gewünschten Effekt haben kann, dann können wir auch damit aufhören. Somit machen wir uns frei, neue Erlebnisse erfahren zu können. Und diese neuen Erlebnisse sind die einzigen, die das oben beschriebene Wohlgefühl auslösen können, das wir eigentlich so gerne haben, dass wir dauernd versuchen es irgendwie zu reproduzieren. Da die Reproduktion aber nicht gut beziehungsweise nachhaltig funktioniert, kann man sie auch loslassen.

So zum Beispiel wenn wir etwas sehen, das uns Freude bereitet. Wenn es ein Gegenstand ist, versuchen wir meistens sofort ihn uns zu “sichern” in dem wir in kaufen. Weil wir dieses erste Schöngefühl gerne festhalten möchten um es wann immer wir wollen, reproduzieren zu können. Leider nimmt der Effekt schnell ab. Aber den Gegenstand wollen wir trotzdem behalten, da wir ihn mit dem guten Gefühl so stark verbinden, dass wir glauben uns würde etwas fehlen sobald wir den Gegenstand nicht mehr haben. So sammeln wir immer mehr an. Der zweite Effekt dieses Verhaltens ist der, dass wir es in erster Linie gar nicht schaffen, das schöne Gefühl einfach ganz zu genießen, weil wir so schnell damit beschäftigt sind zu versuchen es festzuhalten. Das können auch Bilder oder Menschen oder Veranstaltungen und viele mehr sein.

In unserem heutigen Gesellschaftssystem ist es so, dass alles den Anschein hat, wir könnten es mit Geld kaufen und dann besitzen. Deswegen streben auch sehr viele Menschen nach Geld. Es verspricht Glück und Zufriedenheit. Aber es kann dieses Versprechen nicht halten. Weil die meisten Menschen das aber nicht erkennen, da sie in einer Falle des Geldverdienens und Konsumierens stecken, die leider damit einhergeht, mehr Geld verdienen zu müssen, um seinen sogenannten Lebensstandard halten oder sogar erhöhen zu wollen. Somit verwechseln die meisten Menschen Geld mit Glücklichsein oder Wohlstand. Aber Geld ist nur eine Maßeinheit wie Meter oder Gramm. Es ist wie wenn wir im Restaurant lieber die Karte haben wollen als das Essen. Das Menü repräsentiert das Essen, ist aber nicht das Essen selbst. So repräsentiert Geld alle möglichen echten Dinge, sind aber nicht diese Dinge selbst. Aber die Täuschung liegt nahe und ist sehr stark. So streben viele Menschen einfach nach mehr Geld ohne tatsächlich zu wissen wofür genau sie mehr Geld möchten, sprich: welche realen Dinge sie gerne hätten.

Um den Kreis wieder zu schließen, komme ich wieder zur Habituation. Wenn ich zum Beispiel ein Auto sehe, das bei mir ein Hochgefühl (high) auslöst, dann möchte ich dieses Hochgefühl festhalten um es jeder Zeit fühlen zu können. Also glaube ich, dass wenn ich das Auto besitze, ich immer dieses high habe. Also kaufe ich das Auto. Am Anfang habe ich noch öfter ein high, auch wenn es nicht mehr so intensiv ist wie beim ersten Mal. Dann nimmt es immer mehr ab. Und irgendwann ist das Auto einfach nur noch “das Auto”. Dann sehe ich irgendwann ein neues Auto, das wieder ein high bei mir auslöst. Also glaube ich, dass ich einfach nur dieses neue Auto kaufen muss um immer dieses high haben zu können. Bei dem geschieht dann wieder genau das gleiche. Um es Dir praktischer zu vermitteln: denke einmal kurz darüber nach, welche materiellen Wünsche Du in den letzten Monaten oder Jahren hattest, die Du dir erfüllen konntest. Und jetzt versuche Dich zu erinnern, welches schöne Gefühl Du hattest, als Du zum ersten Mal den Wunsch danach verspürt hast, es zu besitzen. Und dann das Gefühl das Du hattest als Du es tatsächlich besitzen konntest. Und dann versuche mal zu ergründen, ob Du dieses Gefühl jetzt auch noch hast bei diesem Gegenstand? Oder Du kannst einmal versuchen zu beobachten, welchen materiellen Wunsch Du im Moment hast und das Gefühl anschauen, das er auslöst. Dann, sobald Du Dir den Wunsch erfüllt hast, beobachte die Entwicklung Deiner Gefühle in Bezug auf diesen Gegenstand, und wie lange sie anhalten, bevor der nächste materielle Wunsch aufkommt?

Dieser Effekt tritt nicht nur bei materiellen Dingen auf, sondern auch bei vielen anderen Erlebnissen. Du kannst das ja mal eine Zeit lang bei Dir selbst beobachten. Wenn ich nun diesen Effekt kenne, stellt sich bei mir die Frage, wenn ich einen Wunsch habe, ist es einfach nur einer, bei dem ich versuche ein Gefühl festzuhalten? Wenn das so ist, dann kann ich meine Illusion überwinden und erkennen, das das Muster immer das gleiche ist. Somit verschwindet dieser Wunsch. Wenn es ein authentischer Wunsch ist, wie zum Beispiel etwas zu erleben, das ich noch nicht kenne, von dem ich also noch nicht weiß wie es sich anfühlen wird, dann kann ich dem ja trotzdem nachgehen. Wobei die meisten Menschen Angst haben vor etwas das sie nicht kennen und sich lieber in den bekannten Gebieten aufhalten. Wobei diese meistens langweilig wirken, da wir schon wissen werden was passieren wird oder was nicht passieren wird. Als Folge davon, dass ich meine Wünsche beobachten und einschätzen kann, geschieht häufig, dass ich viele Dinge nicht mehr will (“brauche”), denen ich vorher noch nachgelaufen wäre. Dadurch habe ich mehr Zeit und Ressourcen frei, die ich den ‘echten’ Wünschen widmen kann. Aber das hat noch einen interessanten Nebeneffekt. Wenn ich zum Beispiel das Auto von oben nicht kaufe, weil ich weiß, dass das high nicht anhält, dann erfreue ich mich länger am selben Auto wenn es mir begegnet. Und ich kann mich authentisch darüber freuen, weil ich es nicht mehr festhalten will. Dadurch freue ich mich aber auch über das neue Auto, also gleich über mehrere Dinge. Und vor allem freue ich mich auch dann zum Beispiel über ein “schlechteres” Auto. Und dieser Effekt funktioniert auch bei anderen Erlebnissen. Wenn ich nicht dauernd ein besseres Essen finden muss, dann freue ich mich über das Essen, das jetzt hier ist. Wenn ich einmal richtig Hunger habe, dann schmeckt mir ein einfaches Essen viel besser, als wenn ich stets satt bin und ein noch so “gutes” Essen bekomme. Der Unterschied ist der, das bei der Suche nach etwas “Besserem”, man irgendwann immer weniger findet, über das man sich freuen kann. Oder es ist so unerreichbar, dass Unzufriedenheit vorprogrammiert ist. Wenn ich jetzt zum Beispiel einen Wusnch nach irgendetwas habe, das ich mit Geld kaufen kann, aber nicht genügend Geld habe, dann muss ich mehr verdienen. Das geht meistens mit einer unangenehmen Seite einher (zum Beispiel mehr arbeiten oder einen Job ausüben, der einem nicht gefällt, aber besser bezahlt ist). Jetzt gibt es Menschen, die immer genügend Geld haben, sich alles kaufen zu können. Aber sind die glücklich? Es mag für jemanden, der nicht genügend Geld für seine Wünsche hat, so Aussehen als müssten diese Menschen glücklich sein, weil er es ja wäre, hätte er so viel Geld sich seine Wünsche zu erfüllen. Aber erinnere Dich daran, dass Du jetzt schon viele Deiner Wünsche erfüllt hast, von denen Du früher gedacht hast: “Wenn ich nur das erreiche, dann werde ich glücklich sein!” Und beobachte jetzt einmal, ob Du mit dieser Vorhersage Recht behalten hast?

Schließlich drehen wir uns so lange im Kreis, bis wir entweder nicht mehr weiter kommen, weil wir an eine Grenze gestoßen sind, die wir nicht mehr überschreiten können oder wir erkennen diesen Kreislauf und versuchen daraus auszubrechen. Wenn wir in der ersten Situation sind, sind wir unweigerlich Unzufrieden, weil wir Wünsche haben, die wir nicht erfüllen können. Wenn wir aber den Kreislauf erkennen aus daraus ausbrechen, können wir uns an vielem erfreuen was uns begegnet, was uns vorher gar nicht aufgefallen wäre. Außerdem haben wir viel mehr Zeit und Ressourcen, uns unseren ‘echten’ Wünschen zu widmen. Das sind die Art von Wünschen, von denen unser Glücklichsein nicht abhängig ist. “Es wäre schön, wenn ich das erlebe, aber es würde mich nicht unzufrieden machen, wenn ich es nicht erlebe.”

“Glück ist Liebe, nichts anderes. Wer lieben kann, ist glücklich.” – Hermann Hesse

“Das Glück gehört denen, die sich selbst genügen. Denn alle äußeren Quellen des Glückes und Genusses sind ihrer Natur nach höchst unsicher, misslich, vergänglich und dem Zufall unterworfen.” – Arthur Schopenhauer

“Das Vergleichen ist das Ende des Glücks und der Anfang der Unzufriedenheit.” – Søren Kierkegaard

mein Mitbewohner 14. April 2017 mein Mitbewohner Keine Kommentare Trackback URL

Kommentarfunktion ist deaktiviert.